Vorschulische Sprachintegration in Gostenhof

Der erste runde Tisch zur vorschulischen Sprachintegration in Gostenhof hat eine sehr aufschlussreiche Bestandaufnahme von etlichen engagierten und auch gut angenommenen Projekten zum Spracherwerb von Vorschulkindern in unserem Stadtteil ergeben.

Andererseits wurden aber auch im Bericht der Vertreter der Knauerschule die nach wie vor großen Defizite sowohl bei Grundschülern als auch deren Eltern deutlich. Lesen Sie das Protokoll der 1.ExpertInnenrunde vom Dienstag, 22.10.2002.



Bestandaufnahme: Welche Formen der Sprachförderung werden derzeit in Gostenhofer Einrichtungen angeboten?

Frau Hilmer: Kiga Elsnerstr.: 50 Kinder, 40 nicht muttersprachlich deutsch, kaum Deutschkenntnisse; gezielte Arbeit mit Büchern und Liedern gemäß der Fortbildung der Stadt Nürnberg „SpiKi“ – Sprachentwicklung im Kindergarten

Frau Mayrl-Kara, IFMZ: Kursprogramm „Mama lernt mit mir Deutsch“ im Kindergarten, seit 5 Jahren im Kiga Dörflerstraße, seit 1 Jahr Kiga Elsnerstraße, arbeitet primär mit Kindern, übt aber auch Druck auf Eltern aus; Ziel: Gemeinsam den Übertritt in die Grundschule meistern ( nicht zu verwechseln mit „Mama lernt Deutsch“; 2.Projekt: „Spielend Deutsch lernen“ für Grundschüler

Frau Löwe, Nachbarschaftshaus: ausländische Vereine bieten selbst Deutschkurse an; NHG seit 1 Jahr: „Ich bin ich“ zum Erlernen des Grundschulwortschatzes; seit diesem Jahr 2.Gruppe mit logopädischem, ergotherapeutischem und sozialpädagogischem Ansatz für Eltern und 4-6jährige Kinder zum Erwerb von Grundkenntnissen; gute Erfahrung mit Mundpropaganda

Frau Freund, Kiga Glockendohnstraße: 85% ausländische Kinder, große Sprachprobleme, Schwerpunkt Sprachförderung; seit Sept.2002 „Vorlesetante“ Frau Dr. Eitler; seit gestern Würzburger Modell

Frau Öztanir, Interkulturelles Beratungszentrum der AWO: Problem: Eltern, die keinen Kindergartenplatz finden und Mütter, die durch Familienzusammenführung erst zur Einschulung mit Kindern kommen und nicht heimisch werden; wohin mit verhaltensauffälligen Kindern?

Frau Nguyen, Degrin: Vorsitzende arbeitet als „Vorlesetante“; nächstes Jahr soll „spielend Deutsch lernen“ an der Knauerschule weiter gehen; große Probleme bei Erstklässlern

Herr Knerr, Jugendamt, Reginoalleiter West der Kitas: SpiKi knüpft an Bewährtem an und ist schnell umsetzbar; beruht auf 4 Säulen:

  • Projekte in Kindergärten
  • Fortbildung von ErzieherInnen
  • Erstellen von geeigneten Materialien
  • Kooperation mit Wissenschaft; vorgesehen ist das Würzburger Modell als Bundespilotprojekt für den städtischen Bereich, bietet die Chance, Risikokinder frühzeitig zu finden, braucht aber Fördergelder

Frau Kehr, Rektorin Knauerschule: Heutige Einschüler sprechen viel schlechter deutsch als in Vorjahren; sie umgehen auch in Förderkursen Deutsch, Muttersprache wird auch nicht gut beherrscht, wird aber in den Familien und im Fernsehen vorgezogen. Folge ist Lesen Lernen ohne Inhaltsverständnis, seit dem neuen Staatsbürgerschaftsrecht werden Förderstunden für ausländische Schüler gestrichen – muss neu definiert werden. Neu in diesem Schuljahr: Sprachlernklasse als Nachfolgemodell der bikulturellen Klassen; gute Erfahrung mit „Mama lernt deutsch“, aber Andrang kann nicht bewältigt werden

Herr Rautinger, Hauptschule Knauerschule: ab der 5. Klasse ist das Sprachniveau noch schlechter sowohl bei Ausländern, als auch bei Aussiedlern, manche verlassen als Analphabeten die Schule

Frau Amm, Kiga Austraße: Hauptsprache Türkisch, Projekt Lesemütter wird regelmäßig in kleinen Gruppen mit Honorarkräften durchgeführt; Vorlesen in großer Gruppe bringt nichts, Kiga ist mit dem Deutschlehren überfordert

Frau Hartmann, Momo: günstige Rahmenbedingungen durch

  1. kleine Gruppe ( 15)
  2. 2. Kooperation mit ZAB und
  3. stärkeres Elternengagement;
Hauptsprache Deutsch, da die Gruppen gut gemischt sind und keine Nationalität überwiegt, wodurch alle lernen; sehr gute Erfahrung mit kleinen Vorlesegruppen ( „Leseomas“ )

Probleme und Defizite: Übereinstimmende Erfahrungen der TeilnehmerInnen

  1. Hortplatzsituation in Gostenhof ist so nicht tragbar: Knauerschule kann nur einen anbieten, bräuchte mindestens 10.
  2. Analphabeten unter den Eltern sind überfordert (IFMZ und Knauerschule stellen großen Bedarf fest).
  3. Auch bei deutschen Kindern ist die Sprachkompetenz nicht ausreichend.
  4. Zu wenig Eltern haben Verständnis für die Probleme und sind zur Zusammenarbeit mit Kiga und Schule bereit.
  5. Viele Kinder besuchen gar keinen Kindergarten.
  6. Gostenhof braucht eine stärkere Stadtteilbindung für Familien mit Kindern.
  7. Sprache ist auch Voraussetzung für soziales Lernen.
  8. Ausländische Vereine erreichen viele jüngere Familien auch nicht mehr.
  9. Schularztuntersuchung zur Einschulung ist oft die einzige Möglichkeit des Kontakts mit Eltern.

Konsequenzen und Forderungen: Folgendes soll bei einem 2.Treffen am 10.12 konkretisiert werden

  • Kindergarten müssen verbessert werde: – kleinere Gruppen, besser gemischt (keine ausländische Hauptsprache), Personalintensivierung, flexiblere Öffnungszeiten, gezieltere Ausbildung
  • Bringt Kindergartenpflicht etwas?
  • Wie kann die elterliche Verantwortung verstärkt werden?
  • Zusammenarbeit mit Fachakademie: Sprachförderung und Elternarbeit in der Ausbildung der ErzieherInnen verstärken
  • Stadt soll untersuchen, wie viele Kinder im Stadtteil tatsächlich Kindergarten besuchen.
  • Stadt soll untersuchen, warum viele deutschsprachige Kinder nicht im Stadtteil angemeldet werden.
  • Elternaufklärung – über die ausländischen Vereine? – auch über logopädische und ergotherapeutische Hilfen.
  • Missstand im Hortbereich muss beseitigt werden.
  • Ganzheitlicher Ansatz – Arbeit mit der ganzen Familie bei Sonderförderung – wird gebraucht.
  • Texte zur Sprachförderung müssen an die Lebenswelt der Kinder angepasst werden.
  • Es geht nicht darum möglichst viele neue Projekte ins leben zu rufen, sondern die bestehenden abzusichern und zu vernetzen – Transparenz und Zusammenarbeit statt Konkurrenz.
  • Schularztuntersuchen dürfen nicht eingespart werden.
  • Raumangebot für die Mittagsbetreuung in der Knauerschule muss verbessert werden.

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