Das Stadtteilprogramm der SPD Gostenhof.

Sozialdemokratische Kommunalpolitik muß sich an den Bedürfnissen der Menschen orientieren, an ihrem Streben nach materieller Sicherheit, nach individueller Entfaltung und persönlichem Glück, nach sozialem Kontakt und Anerkennung, nach Selbstbestimmung und Solidarität. Ob diese Ziele erreicht werden, liegt freilich nicht nur an der Arbeit von Politikern und Stadtverwaltung; es hängt auch davon ab, weiche Möglichkeiten zur freien Gestaltung ihres Lebensraumes und zur Mitbestimmung des gesellschaftlichen und politischen Lebens die Bürger haben und wahrnehmen.



Alle Maßnahmen der Kommunalpolitik müssen aber ebenso den Interessen des Umweltschutzes verpflichtet sein. Die Verantwortung gegenüber unseren natürlichen Lebensgrundlagen ist da- her ein Maßstab aller kommunal- politischen Einzelentscheidungen und geht in alle Bereiche ein.

Gostenhof ist ein Stadtteil voller Probleme, aber auch voller Chancen. Die noch immer dringend notwendige Altbausanierung muß der jetzt in Gostenhof lebenden Bevölkerung zugute kommen. Der besondere Charakter des gewachsenen Stadtteils, zu dem auch seine soziale und kulturelle Offenheit gehört, muß erhalten bleiben. Bevölkerungsgruppen mit niedrigem Einkommen dürfen nicht „raussaniert“ werden. Die Verbesserung des Wohnumfeldes durch mehr Grün- und Spielflächen muß den unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht werden.

Eine große Chance liegt in der Begegnung der verschiedenen sozialen und kulturellen Bevölkerungsgruppen; innerhalb der alten Mauern entsteht ein neues, aufgeschlossenes Lebensgefühl. Miteinander leben in Gostenhof schließt die lebendige, tolerante Begegnung sich zunächst fremder Menschen ein. Sozialdemokratische Kommunalpolitik unterstützt daher sowohl die Möglichkeiten zur Eigenständigkeit als auch die soziale und kulturelle Begegnung.

Wohnen, Arbeiten, Leben

Stadtentwicklung und Stadtplanung müssen sich an den Bedürfnissen der dort lebenden Menschen orientieren und sie dazu ermuntern, aktiv mitzugestalten. Wohnen, Arbeiten und Freizeit Gestalten sollen in einem harmonischen Verhältnis, nicht in Konkurrenz zueinander stehen. Das gleiche gilt für Ökonomie und Ökologie: In der künftigen Entwicklung des Stadtteils sollen diese Aspekte im Sinne einer ökologisch und sozial verträglichen Stadtentwicklung noch stärker berücksichtigt werden. Eine Verbesserung der Lebensqualität muß Hand in Hand gehen mit einer Verminderung der. Natur- und Umweltbelastungen. Deshalb setzt sich die SPD Gostenhof für eine ökologische und sozialverträgliche Stadtentwicklung ein. Die Möglichkeiten dafür reichen von Verkehrsberuhigung über Wohnungsmodernisierung mit gesunden Baustoffen bis hin zur Hinterhofbegrünung und schließen auch Maßnahmen zum Erhalt bestehender sozialer Strukturen ein.

Die von kommunaler Seite begonnenen Projekte der ökologischen Stadterneuerung sind weitgehend abgeschlossen. In der Zukunft kann nicht mit der Finanzierung von Maßnahmen in größerem Umfang gerechnet werden. Ein Schwerpunkt wird deshalb in einer behutsamen Stadtteilentwicklung liegen: Unter Berücksichtigung gesunder und gewachsener Strukturen muß die Zusammensetzung der Gostenhofer Bevölkerung weitgehend erhalten und gleichzeitig Wohnstandard und Wohnumfeld maßvoll verbessert werden – ein nicht leicht zu erreichendes Ziel, da Gostenhof aufgrund seiner dichten Bebauung nur wenig Spielraum läßt.

In Gostenhof leben knapp 25.000 Menschen, davon sind 38% Ausländer (durchschnittlicher Anteil für Nürnberg: knapp 15%). Maßnahmen zur Verbesserung der Lebenssituation der ausländischen Mitbürger und zur Unterstützung des Zusammenlebens von Ausländern und Deutschen haben für Gostenhof deshalb besondere Bedeutung.

Noch immer gibt es in Gostenhof zu wenig Grünflächen, – zu wenig preisgünstige und gleichzeitig attraktive Wohnungen, eine zu hohe Luftverschmutzung und Lärmbelästigung und zu wenig Spiel- und Entfaltungsmöglichkeiten für die Kinder. Die Enge des Stadtteils läßt hier nur wenig Möglichkeiten offen.

Da es dabei nicht darum gehen kann, dafür Wohnraum zu opfern, müssen wir nach phantasievollen Lösungen suchen, den vorhandenen Raum besser zu nutzen. Möglich wären zum Beispiel gemeinschaftliche Hinterhofbegrünung, mehr Spielstraßen, eine Öffnung der Pausenhöfe, Zusammenfassung kleinerer zusammenhängender Flächen etc.

Etwa die Hälfte des Stadtteils wurde vor 1900 erbaut. Diese Tatsache ist mitverantwortlich für die noch immer hohe Bevölkerungsfluktuation: „Soziale Aufsteiger“ wandern teilweise ab, während einkommensschwächere Schichten, vornehmlich Senioren, Ausländer und kinderreiche Familien, in Gostenhof bleiben. Durch die Stadtentwicklungsprogramme der letzten Jahre ist Gostenhof aber auch für Familien attraktiv geworden, die ursprünglich nicht daran gedacht hatten, nach Gostenhof zu ziehen. Die bunte Mischung von Menschen und Kulturen, der „Gostenhofer Flair“, muß unbedingt erhalten bleiben.

Günstiger Wohnraum muß auch in Zukunft Familien der unteren und mittleren Einkommensschichten zur Verfügung stehen. Deshalb ist eines der Ziele unserer Politik, zu verhindern, daß es bei Modernisierungsmaßnahmen zu einer Verdrängung der Bewohner kommt. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen allerdings vom Bundesgesetzgeber dafür die rechtlichen Voraussetzungen geschaffen werden.

Arbeitsplätze bieten die EWAG, die VAG, die DATEV, die TEG, der Gewerbehof Mittlere Kanalstraße und viele kleinere und mittlere Handwerks- und Gewerbebetriebe. Das vorhandene und gewachsene Nebeneinander von Wohnen und Arbeiten in Gostenhof ist zu erhalten, obwohl die unterschiedlichen Interessen oft kaum vereinbar scheinen: Durchgängig ruhiges Wohnen in Gostenhof wird schon allein durch die dichte Besiedlung eher Vision denn reales Ziel bleiben.

Trotzdem gibt es Möglichkeiten, mit diesem Interessenskonflikt besser zuleben: Stichworte sind einerseits Verminderung des Durchgangsverkehrs, Rückeroberung der Straße als Lebensraum und mehr Grün im Stadtteil, andererseits auch Standortsicherung der Betriebe im Sinne einer breiten Palette von Nutzungen und Arbeitsmöglichkeiten einschließlich der Förderung des meist kleinbetrieblichen Einzelhandels und Handwerks. Aber beispielsweise Betriebe, die sich nur unter Inanspruchnahme weiterer Flächen und/oder mit einer Zunahme des LKW- Lieferverkehrs entwickeln können, sind nicht in ihrem Vorhaben zu unterstützen, da sie der angestrebten Balance zwischen Arbeit und Wohnen schaden.

Verkehr

Verkehrspolitik ist nicht Autopolitik. Sie dient weder einseitig den Interessen von Autofahrern noch darf sie aus- schließlich zur Autoverhinderungspolitik verkommen. Das Ziel sozialdemokratischer Verkehrspolitik ist ein gleichberechtigtes Neben- und Miteinander von Fußgängern, Radfahrern, öffentlichern Nahverkehr und motorisiertern Individualverkehr. Ziel ist nicht die autogerechte Stadt. Deshalb müssen in Zukunft im Interesse von mehr Lebensqualität die „sanften“ Verkehrsteilnehmer Bus, Bahn, Radfahrer und Fußgänger stärker gefördert werden, wenn unser Stadtteil Lebensraum für Menschen bleiben soll. Wo hier in der Vergangenheit Fehler gemacht wurden, ist es Aufgabe, diese in Zukunft zum Beispiel durch Verkehrsberuhigungsmaßnahmen und Begrünung („Ein Dschungel für Gostenhof') zu reparieren.

Aus dieser Zielsetzung ergeben sich über Tempo 30 in allen Wohngebieten hinaus weitere verkehrspolitische Forderungen für Gostenhof:

  • Ein großes Problem stellt in allen Bereichen Gostenhofs der ruhende bzw. parkplatzsuchende Individualverkehr dar. Differenzierte, den Bedürfnissen von Gewerbe und Bevölkerung angepaßte Formen von Anwohnerparken sollen hier Abhilfe schaffen.
  • Die Belange der Fußgänger und des Umweltschutzes müssen stärker berücksichtigt werden. Verbinden ließe sich beides zum Beispiel durch Begrünung der Fürther Straße.
  • Das Radwegenetz muß weiter ausgebaut werden. Besonders wichtig ist eine Nord-Süd-Verbindung. Daneben könnten Einbahnstraßen für Radfahrer in Gegenrichtung geöffnet werden, was gleichzeitig einen verkehrsberuhigenden Effekt hätte (Beispiel Austraße).
  • Problematisch ist nach wie vor der Durchgangsverkehr. Dafür müssen Lösungen gefunden werden, die nicht wie bisher die Lebensqualität der Anwohner erheblich beeinträchtigen.
  • Die Fürther Straße darf nicht die Einfallschneise für den Stadtwesten werden. Ihre Verkehrsfunktion muß in einem Gesamtkonzept mit den angrenzenden Stadtteilen abgestimmt werden.
  • Verkehrspolitische Maßnahmen in an- grenzenden Stadtteilen müssen so durchgeführt werden, daß dadurch nicht der Parkdruck und das Verkehrsaufkommen in Gostenhof erhöht werden.

Schritt für Schritt sollte so gerade Verkehrspolitik weg von der autogerechten hin zur menschlichen Stadt führen.

Kultur und Soziales

Lebensqualität und kulturelle Vielfalt sind im multikulturellen Gostenhof untrennbar miteinander verbunden, denn Kultur hilft mit, den Alltag im Stadtteil farbiger, humaner und kreativer – insgesamt lobenswerter – zu machen. Gostenhof ist der Stadtteil Nürnbergs, in dem „Kultur um die Ecke“ mit all ihren Gesichtern gegenwärtig ist. Für die Gostenhofer SPD ist es deshalb selbst- verständlich, kulturelle Breitenarbeit zu fördern, die vielfältigen kulturellen Initiativen zu unterstützen und damit den „Schatz“ Gostenhofs, seinen kulturellen Reichtum, zu erhalten und weiterzuentwickeln.

Kultur ist eine öffentliche Pflichtaufgabe – und soll es bleiben. „Wider den kulturellen Kahlschlag“ lautet deshalb ein Motto der Gostenhofer SPD, die sich für die Sicherung und Kontinuität der Gostenhofer Kultur einsetzt. Beispiele dafür sind – neben dem Nachbarschaftshaus – auch das Volksbad, die Jugendfreizeitheime, der Aktivspielplatz oder besondere Angebote zur Frauen- und Mädchenförderung.

Dabei spielt das Nachbarschaftshaus Gostenhof für das friedliche Miteinander von Deutschen und Ausländern eine tragende Rolle; es ist ein beliebter Treffpunkt für Gostenhoferinnen und Gostenhofer, für Gruppen, Organisationen, Parteien und Initiativen und leistet durch seinen inteqrativen Ansatz einen unabdingbaren Beitrag zur Völkerverständigung und zur Bekämpfung der zunehmenden Ausländerfeindlichkeit in Deutschland. Der Erhalt des Nachbarschaftshauses sowie die Verbesserung seines Angebotes sind vorrangige Ziele der Gostenhofer SPD, wobei entsprechend der Bevölkerungsstruktur die Belange von Kindern und Jugendlichen besonders berücksichtigt werden müssen.

Die Zahl der Ausländerkinder in den Gostenhofer Kindergärten und Horten liegt bei durchschnittlich 50 %, den höchsten Anteil weist der Katholische Kindergarten St. Anton mit knapp 70 % auf. In all diesen Einrichtungen ist die Nachfrage höher als das Angebot; Wartezeiten bis zu zwei Jahren sind keine Seltenheit. Vordringliche Aufgabe der nächsten Jahre muß daher der Abbau dieser Defizite sein: Schaffung ausreichender Kindergarten- und Hortplätze sowie eine personell und konzeptionell verbesserte Ausstattung. Es sollten darüber hinaus mehr ausländische Fachkräfte eingestellt werden, um die muttersprachliche Förderung der ausländischen Kinder zu gewährleisten und um gemeinsam mit den deutschen Kolleginnen und Kollegen interkulturelle Erziehungkonzepte zu entwickeln.

Schule muß ebenfalls auf die multikulturelle Zusammensetzung des Stadtteils reagieren und muttersprachliche Förderung und interkulturelle Erziehung im Sinne eines Miteinander- und-voneinander-Lernens verwirklichen. Sie muß sich dem Stadtteil öffnen, das Leben hereinlassen und so auch über den Unterricht und über die Lehrpläne hinaus erfahrungsorientiertes Lernen ermöglichen. Dazu gehören eine verstärkte Kooperation mit deutschen und ausländischen Eltern, Schülerbetreuung auch am Nachmittag sowie eine Öffnung der Schulen für die schulische Sozialarbeit, die Erwachsenenbildung, die Jugendarbeit und die Freizeitpädagogik.

Auch wenn die Zahl der Senioren im Vergleich zu anderen Stadtteilen geringer ist und in den nächsten zwanzig Jahren nur langsam anwachsen wird, muß sich sozialdemokratische Politik dem Thema „aktives Gelingen des Alters“ verstärkt widmen. Immerhin leben schon heute in Gostenhof rund 2.500 Seniorinnen und Senioren über 65 Jahre.

Für die Mehrheit der in Gostenhof lebenden Senioren ist es von großer Bedeutung, so lange wie möglich in der eigenen Wohnung und in vertrauter Umgebung bleiben zu können. Daher müssen in ausreichendem Maß altengerechte Wohnungen zur Verfügung stehen und weiterhin ambulante Hilfen und Wohnprojekte für Senioren gefördert werden. [Da in Gostenhof alles leicht und schnell erreichbar ist – Einkaufsmöglichkeiten, soziokultureile Angebote und Einrichtungen zur medizinischen Versorgung -, bietet Gostenhof gerade der älteren Bevölkerung gute Lebensbedingungen.

Entgegen früheren Erwartungen zeichnet sich ab, daß viele ausländische Mitbürger nach Erreichen des Ruhestandsalters nicht in ihre Herkunftsländer zurückkehren, sondern in der Bundesrepublik bleiben. Spezielle Problemfelder ergeben sich zum Beispiel durch die 'relativ hohe Zahl der Frührentner, die schlechte soziale Absicherung sowie die durch beengte Wohnverhältnisse bedingten Schwierigkeiten, alte Menschen in der Familie pflegen zu können. Die SPD Gostenhof sieht deshalb eine Aufgabe der Altenhilfe darin, Angebote für ausländische Senioren zu schaffen.

Veröffentlicht in
Allgemein

Hinterlasse einen Kommentar

  E-Mail Benachrichtigung  
Benachrichtige mich zu: