Kann es Europa ohne den Orient geben? Und welche Rolle spielt die Türkei bei der Beantwortung dieser Frage?

Europa ist gespalten. Diese Feststellung lässt sich in mancherlei Hinsicht anwenden, sei es auf das ökonomische Gebiet, auf bestimmte Grundsatzfragen der inneren Organisation der Europäischen Union, in der Diskussion um sein Selbstverständnis oder auch bezüglich seiner Außenbeziehungen. Wenn wir uns mit der Dimension der aktuellen politischen Agenda Europas befassen, sind vor allem zwei Fragen im Schwange: Wie sollen sich europäische Staaten bei einem Krieg der Vereinigten Staaten von Amerika gegen den Irak verhalten, und wie positionieren sich die EU-Länder und -Aufnahmekandidaten gegenüber einer potentiellen Mitgliedschaft der Türkei in ihren Reihen?

Beide Probleme lassen sich nicht alleine im Austausch von Sachargumenten lösen, betreffen sie doch fundamental das Verhältnis zwischen Europa und dem Orient, das geprägt ist von wechselseitiger Skepsis, vom historisch erfahrenen oder auch nur spekulierten Anderssein des Anderen, von einem Fremdbild, das in weitgehender Unkenntnis oder zumindest mangelndem Verständnis der anderen Seite entstanden ist.

Die erwähnte innere Spaltung Europas vollzieht sich hier weitgehend entlang der politischen Lager (und somit jenseits nationalstaatlicher Differenzen), jedoch spielen bei der Entscheidung gleichfalls Erwägungen einzelner Staaten aufgrund ihres historischen Verhältnisses zu den betroffenen Ländern eine Rolle. So fühlt sich Großbritannien traditionell den Vereinigten Staaten eher stärker verbunden als Europa, als dessen Bestandteil sich zu definieren bis heute kein common sense in der britischen Gesellschaft ist. Ebenso ist die Rolle Großbritanniens und Frankreichs bei der Kolonialisierung und der späteren Staatenbildung im Nahen Osten zu berücksichtigen. Bis heute ungelöste Konflikte zwischen der Türkei und Griechenland spielen bei den Beitrittsverhandlungen ebenso eine Rolle wie die Frage nach der „Identität“ Europas.

Zuweilen – und bei anderen Themen immer noch überwiegend – stecken somit die alten Staatsgrenzen und nicht die supranationalen politischen Lager die Diskussionsfelder ab. (Dieses Kriterium läßt sich, nebenbei vermerkt, nicht mit der föderalen Struktur der EU und anderer europäischer Gremien erklären: Als Gegenbeispiel kann die Länderkammer Deutschlands, der Bundesrat, angeführt werden. Dort überlagert Parteipolitik regelmäßig die Interessen der einzelnen Länder.)

Zum einen stellt sich Europa also keineswegs geschlossen dar, zum anderen beruht die europäische Wahrnehmung des Orients, politisch betrachtet, auf dem Kontakt mit einzelnen Staaten. Auf der Ebene der Intellektuellen mag eine panarabische Idee zu erkennen sein, doch ist damit das, was wir Orient nennen, hinreichend abgedeckt? Auf politischer Ebene existiert kein Pendant zur EU; die Liga arabischer Staaten reicht als Zweckbündnis in ihrer Relevanz noch nicht einmal an die OSZE heran.

Wenn also hier die Frage zu klären ist, ob es Europa ohne den Orient geben könne, dann bedarf sie einer Präzisierung: Zur Debatte steht Europa vermutlich nicht als geographische Region; über das Vorhandensein geographischer Merkmale zu spekulieren dürfte sich als wenig ergiebig erweisen. Wirtschaftliche Entwicklungen entziehen sich seit Jahrhunderten und heute in verstärktem Maße politischen und soziokulturellen Grenzziehungen; in seiner Festrede zum Jubiläum der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg ging Carl Christian von Weizsäcker sogar so weit, die (ökonomische) Globalisierung als „großes Weltfriedensprojekt“ einzuschätzen. Die historische Dimension verdient durchaus Beachtung; hier müsste die Frage etwa lauten: Hätte es Europa ohne den Orient gegeben? Als Ausblick in die Zukunft betrachtet: Wird es ein Europa ohne den Orient geben können? Zentral ist natürlich die Bedeutung der kulturellen Identität beider Regionen und deren politisches Verhältnis zueinander.

Daran knüpft sich unausweichlich ein ganzes Bündel von Fragen, die nicht abschließend geklärt sind, mithin also zu Symptomen der inneren Spaltung Europas gereichen: Was zeichnet das Wesen von „Europa“ aus, und wer besitzt darüber die Deutungshoheit? Welche Bedeutungen verbinden sich mit dem Begriff des „Orients“, wie ist er entstanden, wer oder was wird dazu gezählt? (Und begreift sich der so titulierte Orient überhaupt als ein solcher?) Worin besteht das Trennende zwischen dem Orient und Europa, und welche gemeinsame Geschichte verbindet beide? Wo ist die Grenzlinie zu ziehen? Ist eine linienförmige Grenze überhaupt zu bestimmen? Und schließlich: Auf welchem Weg sollen Europa und der Orient mit ihren Differenzen umgehen?

Europa mangelt es an gemeinschaftsstiftenden Elementen. Bernhard Giesen macht in seinem Beitrag zur Tagung „Kulturelle Identität in Europa“ (die 1996 in Halle/Saale stattfand) deutlich, daß die Auseinandersetzung mit dem Fremden, und sei es die benachbarte Nation, vor allem zum Erkennen der Unterschiede führt und somit bei allen Versuchen der Annäherung das Trennende zum bestimmenden Kriterium wird. An Unterschieden ist Europa nicht arm: Sei es die Vielfalt der Sprachen, der rituellen Orte und Handlungen, auch das häufig angeführte Christentum stellt sich bei eingehender Betrachtung keineswegs als Monolith heraus.

Wenn aber europäische Nachbarn Seite an Seite mit dem Außereuropäischen konfrontiert werden, kann sich über die gemeinsame Abgrenzung zum Fremden ein im Wortsinn exklusives Gemeinschaftsempfinden etablieren. Bis zu den Perserkriegen ließe es sich zurückverfolgen, im großen politischen Maßstab fand es auch zur Zeit der Kreuzzüge und bei anderen Kriegen gegen einen außereuropäischen Gegner statt, es ereignet sich im Kleinen bei der Begegnung und im Gespräch von Europäern in Nordamerika oder Asien, es manifestiert sich auch im gemeinsamen Auftreten rechtsextremer Parteien in Europa.

Historisch ist zu konstatieren, dass aus europäischer Perspektive der Orient lange Zeit das einzig Andere repräsentierte, dass also beide Teile zusammengenommen die gesamte bekannte Welt darstellten. Das mag eine Ursache für das europäische Unbehagen wie auch für die Exotisierung des Orients sein, zwei Haltungen, die sich bis heute beobachten lassen. Europa, so könnte man folgern, kommt ohne den Orient als Konzept, als Gegenbild, ja als Feindbild nicht aus.

Zugleich aber hat sich das Abendland auch am Osten orientiert: Ex oriente lux. Unter dem Licht, das aus dem Osten kommt, ist nicht nur der Lauf der Sonne zu verstehen; auch das Christentum und wesentliche naturwissenschaftliche und kulturelle Errungenschaften nahmen im Orient ihren Anfang. Bei aller Verschiedenheit von Judentum, Christentum und Islam entstammen die drei abrahamitischen Religionen nicht nur derselben Region, sie sind auch in Bezug aufeinander entstanden. Bestimmte ethische Richtschnüre, bestimmte Erzählungen sind ihnen gemeinsam, und dass ihre inhaltliche Nähe erbitterte Kämpfe in ihrem Namen nicht verhindert, lässt sich wohl mit ihrer Funktion als Dispositive der Macht erklären.  Astronomie und Mathematik sind auf die Araber zurückzuführen, und ohne ihre Bibliotheken hätte Europa von der griechischen Geistesgeschichte wenig in Erinnerung behalten.

So darf bezweifelt werden, dass sich eine „kulturelle Identität“ Europas in der bestehenden Form ohne den fruchtbaren Austausch mit dem Orient hätte entwickeln können. Auch in dieser Hinsicht ist die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Europa und dem Nahen Osten zu behandeln.

Was genau ist nun aber unter dem „Orient“ zu verstehen? Der Begriff ist nicht zuletzt deshalb so schwammig, weil er als projiziertes Gegenbild zu Europa verwendet wurde und wird. Eine geographische Zuordnung wie „Gebiet östlich von Europa“ führt hier auch nicht weiter. Gemeinsames Kennzeichen der Staaten, die dem Orient zugerechnet werden, ist mehr oder weniger der islamische Glaube und die „islamische Kultur“; Huntingtons Weltbild vom   clash of civilizations kommt einem da in den Sinn; doch der Islam ist auch in anderen Weltgegenden verbreitet, von Nigeria bis nach Indonesien. Europa ist bei Huntington lediglich Teil der „westlichen Welt“ – dieser Ansatz führt hier nicht weiter. Gehört Israel zum Orient? Die Türkei? (Immerhin, beide nehmen am Grand Prix d'Eurovision de la Chanson teil, worin durchaus ein kulturelles Selbstverständnis Ausdruck findet.)  

Argumentierte man mit der arabischen Sprache, fiele zudem noch der Iran und Pakistan aus der Definition heraus. Vielfach wird auch noch Indien zum Orient gezählt. Eine Abgrenzung zum Kaukasus soll an dieser Stelle gar nicht erst versucht werden. Wir können an dieser Stelle schon konstatieren, dass Exklusion zu den wesentlichen Bestandteilen einer Identitätsbildung gehört. Doch ob es eine orientalische Identität gibt, ist sehr zu bezweifeln. Ist der Orient nicht ohnehin ein Konstrukt des Abendlandes? Und wenn er heute, in welcher Form auch immer, existiert, ist dies nicht wesentlich den Erwartungen, Identitätszuschreibungen und raumordnerischen Eingriffen westeuropäischer Mächte geschuldet?

Schlimmer noch: Wenn der Orient das ist, was Europa nicht ist, und Europa das ist, was der Orient nicht ist: wo soll bei aller verständlichen Differenzierungsfreude die Trennlinie gezogen werden? Eroberung und Rückeroberung von Gebieten im geographischen Europa haben ja nicht nur zur Gegensatzbildung beigetragen, sondern – man beachte die Dialektik – die Grenzen auch verwischt. Auf dem Balkan sind bosnische und albanische Muslime beheimatet; auf einem anderen Blatt mag stehen, ob sich daraus Konfliktpotential ergeben hat,  doch Teil Europas sind sie allemal. Überhaupt sollte die Frage zulässig sein, welche Rolle die religiöse Zugehörigkeit in einem Europa spielen kann, das mittlerweile die Religionsfreiheit mindestens ebenso hoch schätzt, wie es die Mauren im Mittelalter taten, in einem Europa, dessen Werte für universell gehalten werden.

Wenn vorhin die geographische Dimension Europas eilfertig abgetan wurde, so sollte in Erinnerung gerufen werden, dass beispielsweise in der Türkei-Debatte das kontinentale Argument durchaus zur Sprache kommt. Zuletzt machte Valéry Giscard d'Estaing, immerhin in seiner Eigenschaft als Präsident des EU-Reformkonvents, von diesem Argument Gebrauch: Die Hauptstadt der Türkei liege nicht in Europa, ebenso lebten 95% der Bevölkerung außerhalb Europas, somit sei die Türkei kein europäisches Land. Zudem bestehe die Gefahr eines Präzedenzfalls, da auch Marokko bereits Interesse an der Aufnahme in die EU angemeldet habe.

Angesichts des kürzlich beinahe eskalierten Streits zwischen Spanien und Marokko um einen unbewohnten Felsen scheint dies in der Tat schwer vorstellbar; doch waren solche Auseinandersetzungen zwischen Griechenland und der Türkei vor nicht allzu langer Zeit ebenfalls an der Tagesordnung. Heute plädiert der griechische Ministerpräsident Kostas Simitis, dessen Land kommenden Januar für ein halbes Jahr die EU-Präsidentschaft übernimmt, ausdrücklich für einen Beitritt der Türkei.

Es steht zu vermuten, daß die Tektonik hier sozusagen nur vorgeschoben wurde, und doch ist sie mehr als eine Metapher: Natürliche Grenzen spielten schließlich stets eine wichtige Rolle bei der Bestimmung von Einflusssphären, und die Reconquista oder die Schlachten zwischen dem christlichen Europa und dem osmanischen Reich sind Beispiele für die durchaus hauptsächliche Bedeutung von Landgewinnen; allein: eine kulturelle Identität spielte bestenfalls als Beiwerk eine Rolle; und was die Religionszugehörigkeit eines Herrschers (und damit seines Reiches) betrifft, so hatte sie wenig mit Glauben und viel mit Machtkalkül zu tun.

Ob Schisma oder die Ausbreitung des Islam, ob Mission im Zuge der Kolonialisierung oder die Erfolgsgeschichte der Reformation: religiöse Überzeugungen, die durchaus ernsthafter Art waren, entwickelten ihre Durchschlagskraft erst in der Verflechtung, der Zu- oder Aneignung an Machtpolitik und Kriegen um die – geographische – Expansion. Der Inhalt der Glaubenslehren war und ist dabei kaum von Belang.

Dennoch wird die Religion als zweites wesentliches Merkmal der Identität hervorgehoben. In konservativen Kreisen ist beim Stichwort Europa häufig die Rede von einer „christlich-abendländischen Wertegemeinschaft“, gerade auch in Deutschland; vergleichbare Töne verbieten sich natürlich für Giscard d'Estaing, den ehemaligen Präsidenten eines strikt laizistischen Staates. Die Türkei, die ebenfalls auf mehrere Generationen religionsfernen Staatswesens zurückblicken kann, bemerkt dennoch die Absicht und ist verstimmt.

Der EU werfen Gegner wie Befürworter eines Beitritts vor, sich als „Club der Christen“ zu gerieren; die Türkei sieht sich verschmäht, obwohl sie sich in ihrem Staatswesen doch am westeuropäischen Modell orientiert. Mittlerweile versuchen die Türkei-Skeptiker dieses Fettnäpfchen zu vermeiden. So betont Wolfgang Schäuble die Brückenfunktion der Türkei zwischen Europa und dem Nahen Osten, die sie viel wirkungsvoller wahrnehmen könne, wenn sie eigenständig bliebe und der EU allenfalls als assoziiertes Mitglied angehöre. Der Grüne Cem Özdemir wittert hinter diesem Ansinnen die Absicht, der Türkei wie zu Zeiten des Kalten Krieges nicht mehr als die Funktion des „Prellbocks“, also einer Pufferzone zwischen Huntingtonschen Kulturblöcken,  einzuräumen, dies sozusagen noch als Vorschlag zur Güte, da der Islam ohnehin nichts Europäisches sei.

Doch möglicherweise geht es bei der Skepsis des konservativen Lagers tatsächlich nur vordergründig um die religiöse Frage, etwa in gleichem Maße, wie Religion als Vorwand in Kriegen gedient hat. Ob Religion oder Geographie, sie stehen für etwas Diffuseres, weniger Fassbares: die Identität. Diese nämlich sei in Europa gerade erst im Begriff, sich zu bilden; die Integration der Türkei sei dafür ausgesprochen schädlich.

Welcher Art soll diese Identitätsbildung sein? Um noch einmal Giesen zu bemühen, vollzieht sich die Enkulturation und Sozialisation auf europäischer Ebene ähnlich wie zuvor auf nationaler Ebene, nämlich in der Begegnung mit anderen Kulturen, zu denen man sich abgrenzt. Fraglich sei hingegen, ob die Bündelung von Einzelinteressen, etwa wirtschaftlicher Art, hinreichend sei, um eine gemeinsame Identität zu schaffen. Giesen benennt hier ein Dilemma der Europäischen Union. Hervorgegangen aus einer Wirtschaftsgemeinschaft, bestimmen noch immer Regularien zum Handel und Konsum, zum Geldmarkt und zur Subventionsverteilung die öffentliche Wahrnehmung „Europas“.

Dies könnte durchaus gegen einen Beitritt der Türkei sprechen, wenn man ihn vom Standpunkt der Nützlichkeit her begründet; jedoch ist die Aufgabe, das europäische Selbstverständnis vom ökonomischen Fokus wegzubewegen, wohl weitgehend unabhängig von den kulturellen Einordnung der Türkei zu betrachten. Wenn die Türkei allerdings deswegen nicht aufgenommen werden soll, weil Europa sie als Gegenbild zur kulturellen Selbstfindung missbrauchen möchte, dann ist das äußerst fragwürdig. Ankaras erklärte Absicht, sich europäischen Normen immer weiter anzunähern, sollte nicht in dieser Weise abgefertigt werden.

Wichtig seien ebenfalls Rituale, also Zeremonien, gemeinsame Zeichen und Handlungen, gemeinsame Erinnerungen und historische Figuren. Doch es gebe sie nicht; die großen Konflikte (darunter zwei Weltkriege) des vergangenen Jahrhunderts habe Europa nicht selbst lösen können. Vielleicht sollte man die Erwartungen nicht so hoch stecken, wie es Giesen hier tut. Wenn wir davon ausgehen, dass eine europäische Identität ohnehin erst im Begriff ist zu entstehen, dann sollten wir den Blick auf die vielen kleineren und größeren Schritte lenken, die Europa näher zusammengebracht haben: die Überwindung der deutsch-französischen Erbfeindschaft etwa, der Fall des Eisernen Vorhangs und die anschließende Wandlung der ehemaligen Ostblockstaaten. Die Kriege auf dem Balkan und das Bemühen europäischer Staaten, zu vermitteln.

Möglicherweise wird es später zum Kennzeichen Europas werden, dass sich die Dinge dort langsam, aber dafür relativ unblutig entwickeln. Und in diesem Szenario ist selbstverständlich auch der lange Weg der Türkei nach Europa ein möglicher Bestandteil des Erinnerns.

Zurück zur Ausgangsfrage, nun in die Zukunft gewendet: Kann es Europa ohne den Orient geben? Wenn wir davon ausgehen, dass der „Orient“ eine europäische Konstruktion ist, dann wird es vor allem von dem Weg abhängen, den Europa einschlagen will auf dem Weg zu sich selbst. Wenn, wie Giesen schreibt, kulturelle Identität über die Verstehbarkeit des Handelns konstruiert wird, und wenn wir uns der Nützlichkeit des Abgrenzens erinnern, dann steht zu befürchten, dass der Orient nicht nur als Gegenbild weiterhin notwendig sein wird, sondern dass europäische Identität explizit durch das bewusste Ignorieren und Nicht-Verstehen-Wollen des Außereuropäischen geschaffen werden könnte.

Ein gegenseitiges Verstehen könnte ja zur unerwünschten Erkenntnis von Gemeinsamkeiten führen. In diesem Kontext käme eine Aufnahme der Türkei natürlich nicht in Frage, denn sie würde die selbstgesteckten Grenzen des Verstehens sprengen. Diese Vorgehensweise wäre freilich in hohem Maße unaufklärerisch.  

Europa kann den Orient aber auch begreifen als Chance der wechselseitigen Bereicherung im Austausch miteinander. Die Türkei, die den Weg von der einen zur anderen Seite gegangen ist, wäre mit ihren Erfahrungen dann höchst willkommen. Nähme Europa die Türkei in seinen Reihen auf, dann könnte das ein Zeichen dafür sein, dass es sich über die folgende gemeinsame Vision definiert: Normen und Werte sind nicht deshalb zu befolgen, weil sie zur eigenen Überlieferung gehören; sie sind im besten aufklärerischen Sinne nur etwas wert, wenn man sich aus freien Stücken für sie entscheidet – so wie es die Türkei in ihrer Entscheidung für Europa zeigt. Ein Land führt gleichsam im Ganzen vor, was Delanty mit „post-national citizenship“ umschreibt: es nimmt sein Recht auf selbstbestimmte Entscheidung wahr, es überwindet das formale Verständnis von Zugehörigkeit zugunsten eines aktiven Mitgestaltens. Die gemeinsame Lehre der Geschichte könnte dann lauten, dass die Überwindung der Vergangenheit möglich ist.

Quelle: Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaften der Universität Halle, Essay aus dem Hauptseminar Kulturelle Identität in Europa – medienwissenschaftliche Perspektiven, Prof. Dr. Reinhold Viehoff, WS 2003

Hinterlasse einen Kommentar

  E-Mail Benachrichtigung  
Benachrichtige mich zu: